XIII Internationale Tagung der Max Scheler Gesellschaft

Ordo amoris und Weltoffenheit.

Philosophie der Gefühle und personale Identität

Universität Verona (Via S. Francesco, aula T5), 27.-30. Mai 2015

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Die Einsicht in die Wichtigkeit der Gefühle hat sich in dem Jahrzehnt vom 1987 bis 1996 radikal vertieft, insbesondere dank der Arbeiten von R. De Sousa (1987), A. Damasio (1993), D. Goleman (1995) und J. LeDoux (1996), die ein großes Publikum erreichten. Vor 1987 war die Meinung sehr verbreitet, dass die Gefühle das späte und sekundäre Resultat einer kognitiven Aktivität seien. Eine wichtige Ausnahme am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts bildetet die Phänomenologie der Gefühle von Max Scheler. Um Anstoß zur Diskusion zu geben, kann man seine Position vielleicht in den folgenden fünf Hauptpunkten zusammenfassen:
1) Das Fühlen und das Gefühl sind kein Endergebnis eines kognitiven Prozesses, sondern im Gegenteil das, was am Anfang jedes Wahrnehmungs- und Erkenntnisprozesses steht: Im Anfang war das Gefühl! In diesem Sinne gibt es eine Priorität der Wertnehmung vor der Wahrnehmung: «Alles primäre Verhalten zur Welt überhaupt […] ist eben nicht ein “vorstelliges”, ein Verhalten des Wahrnehmens, sondern […] primär ein emotionales und wertnehmendes Verhalten» (M. Scheler, Formalismus, GW II, 206);
2) Das Fühlen und das Gefühl sind nicht in eine solipsistische Dimension zu verbannen, sondern sind das, was uns erlaubt, mit dem Anderen in Berührung zu kommen. Beim Fühlen sind wir imstande, die Expressivität des Anderen unmittelbar wahrzunehmen, d.h. ohne Abwägung durch Analogien: Am Lächeln des Anderen nehmen wir direkt seine Glückseligkeit wahr (vgl. M. Scheler, Zur Phänomenologie und Theorie der Sympathiegefühle von Liebe und Hass, 1913);
3) Das Fühlen und die Gefühle sind primär keine privaten Zustände, sondern geben Anlass zu einem bestimmten „emotionellen Durchbruch“ in die Wirklichkeit: Sie sind es nämlich, die die Landschaft unserer Erfahrung zeichnen; sie sind es, die uns Umrisse und Farben dieser Landschaft sehen lassen, die Höhe und Tiefe skizzieren, wo es ansonsten nur die flache Oberfläche einer farblosen Ebene gegeben hätte (vgl. M. Scheler, Zur Rehabilitierung der Tugend, 1913);
4) Im Gegensatz zu Brentano existiert bei Scheler kein Vorrang der inneren vor der äußeren Wahrnehmung: Auch das Fühlen und die Gefühle sind mit den Phänomenen der Täuschung verwickelt. Das heißt, dass es im Mittelpunkt einer Phänomenologie der Gefühle das Problem der affektiven Reife gibt (vgl. M. Scheler, Die Idole der Selbsterkenntnis, 1911);
5) Im Menschen sind die Gefühle nicht automatisch geregelt: Die Bildung eines Ordo amoris ist ein Prozess, der nicht von Anfang an vorherbestimmt ist, sondern einen Prozess der Bildung erfordert. In diesem Prozess der affektiven Bildung inauguriert jeder Mensch seine Singularität. Jedem Ordo amoris entspricht eine verschiedene Perspektive für die Weltoffenheit (vgl. M. Scheler, Ordo amoris, 1916 ca.).

Der Zweck dieser Tagung besteht darin, uns mit diesen Themen auseinanderzusetzen, mit besonderer Rücksichtnahme auf die aktuellen Diskussionen über die personale Identität, über die Phänomenologie der Andersheit, über das body scheme und das body image und über die we-intentionality. Für einige besteht die Not, auch die Grenzen des klassischen Kognitivismus bezüglich der Problematik der Gefühle deutlicher zu unterstreichen. Bereits David Hume hat gezeigt, dass das Problem der personalen Identität nicht mehr allein im Anschluss an das „rational self“, sondern nur ausgehend von den Leidenschaften, d.h. im Anschluss an das „moral self“ verstanden werden kann. Von hier her rühren eine Reihe von offenen Fragen: Auf welche Weise wirkt sich die emotive Erfahrung auf den Individuationsprozess der Person aus? Wie hängen die individuale und die soziale Umbildung miteinander zusammen? Auf welche Weise leiten uns die Gefühle in unserer Bezugnahme auf die Welt und auf die Andersheit? Wie erlauben uns die Emotionen, uns auszudrücken und das zu bilden, was wir sind?

Programm_Englisch

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